Wieso sieht die Innenstadt von Paraty in Brasilen immernoch aus wie die Kulisse aus einem alten Kolonialfilm, warum dürfen Reiseführer*innen in Rio de Janeiro nicht über die Kolonialvergangenheit ihrer Stadt sprechen und wie beeinflussen Touristen Kulturpraxen der Länder die sie bereisen?
An der Klotür des veganen Bistros im Herzen von Belo Horizonte, wo wir uns gerade ein Falafel Sandwitch geholt haben, klebt ein Sticker an der Tür “FCK AIR BNB”. In den nächsten Tagen planen wir schon aus dem besetzten Haus und Kulturzentrum heraus Aktionen gegen die Gentrifizierung der Arbeitendenviertel der Stadt. Es werden Filme gezeigt und auf der Straße zusammen getrommelt. Belo Horizonte ist eine der kulturell vielfältigsten Städte Brasiliens, sie hat die größte Dichte an Museen und Straßenveranstaltungen und ist die Stadt mit den meisten Bars, welche größenteils von Einheimischen besucht werden. Während Städte wie Rio de Janeiro der Masse an Touristen, die jedes Jahr im europäischen Winter oder zu Karneval kommen, den bestimmten Erwartungen gerecht werden muss. Geld, was zum Erhalt eines Stadtviertels namens “kleines Afrika” vorgesehen war, wo es an afrikanischem Erbe in Denkmälern und Bibliotheken nicht fehlt, wurde dort in den Bau eines “modernen Museums – des Morgens” gepumpt während ringsherum in den Favelas die Polizei immer härter durchgreift und sinnlose, gewaltvolle Einsätze durchzieht. Doch all das sehen Tourist*innen nicht, wenn sie zum Sonnenaufgang zwischen den Wolken die große Jesus-Statur erblicken, zu der sie mit einer Seilbahn von ihrem Hotel aus direkt nach oben über die Stadt gleiten dürfen.
Wir alle kennen das Image eines Reiseorts, schon bevor wir da waren und die eigenen Erwartungen daran erst recht, doch welchen Fragen stellen wir uns zu selten, was ist uns dabei nicht bewusst? Sollte ich das Kunsthandwerk, welches in einem kleinen touristischen Dorf auf einem Stand einer indigenen Person liegt, kaufen, da sie damit ihren Kampf ums überleben sichern kann, oder unterstütze ich damit nur, dass diese Person von dem Geld abhängig wird und zerstöre damit die “natürliche” Entwicklung des Dorfes?
Wenn alles klappt wird eine Person der Kasa Invisivel im Herzen von Belo Horizonte dazu geschaltet. Kasa Invisel ist ein politischer Kultur und Veranstaltungsort seit 2013 und steht gerade vor dem aus. kasainvisivel.org/
Ist es kulturelle Aneignung den Schmuck, den ich dann doch gekauft habe auch zu tragen? Warum sind die meisten Reiseberichte einfache Diashows von schönen Stränden und Städten, die alle gleich aussehen? Warum werden gerade Städte wie Ouro Preto durch ihre schönen und wohlständigen Bauten, bekannt, obwohl sie auf dem Rücken einer langen und gewaltvollen Geschichte von Versklavung und Ausbeutung erbaut wurden? Welche Proteste finden gerade an dem Ort statt wo ich bin und wie ist die aktuelle politische Lage und wie finde ich mehr darüber heraus?
Ich, Lünne, werde bei diesem PolDo beispielhaft aktuelle afro-brasilianische und indigene Kukturpraxen und Kämpfe spezifischer Orte vorstellen, sowie koloniale und widerständige Geschichten dieser beleuchten und erklären wie ich über diese erfahren habe.
Dazu bin ich mit Expert*innen, Kulturschaffenden und Aktivisti vor Ort in den Austausch gegangen kann nun von verschiedenen Perspektiven berichten. Mit ein wenig Glück ist vielleicht auch eine live Schalte mit einer der Personen möglich. Wir werden also (hoffentlich als Diskussion im Raum) kritisch darüber sprechen wie wir nicht nur die touristische Fassade eines Ortes “entdecken” sondern tatsächlich ein realistisches Bild von dem Reiseort erhalten und welchen Sinn es nicht nur für uns hat, die echten Geschichten unserer Reiseorte in die Welt zu tragen
Moderation: Lünne (sie/they), Student*in in Theater und Biologie, Aktivist*in für Feminismus und Antifaschismus, und hat einen halbjährigen Studienaustausch nach Brasilien gemacht und Dominique (keine Pronomen), Bildungsprojekt Globalen Lernen